Heisser Kampf um ein Filetstück

Die geplante Neugestaltung des Areals des Wiener Eislaufvereins ist umstritten. Dort soll ein Turm mit 73 Meter Höhe gebaut werden. Kritiker befürchten einen Kniefall vor Investoren, der sich zum Präzedenzfallausweiten könnte von Matthias G. Bernold
DIE ZEIT Nº 11/2014 Aktualisiert 6. März 2014 07:00 Uhr

Es ist ein Ort mit Tradition, an dem viele Erinnerungen hängen. Seit mehr als hundert Jahren erfüllten sich Wiener Kinder auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins ihre Winterträume. Noch bis Ende vergangener Woche zogen hier die Schlittschuhläufer ihre Kreise. Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt an der Lothringerstraße. Erst im Sommer wird wiederLeben einziehen, wenn Arbeiter Sand aufschütten und Gastro-Buden öffnen.
Doch selbst der Beach-Club Sand in the City wird wenig an der trübseligen Stimmung des Platzes im dritten Wiener Gemeindebezirk ändern. Das angrenzende Hotel Intercontinental, in seinem Baujahr 1964 ein erster Fußabdruck Amerikas, mutet heute wie ein Plattenbau an, während die kleinen Nutzbauten des Eislaufvereins den schäbigen Charme der sechziger Jahre verströmen.

Die Tage der Tristesse könnten allerdings bald gezählt sein: Auf dem 15.400 Quadratmeter großen Gelände zwischen Stadtpark und Konzerthaussoll ein millionenschweres Bauprojekt verwirklicht werden, das allerdings höchst umstritten ist. Es drohe der Ausverkauf der Stadt an finanzkräftige Investoren, sagen Kritiker. Ist das Megaprojekt wirklich ein Bruch der Bautradition mit Vorbildwirkung für alle weiteren Städteplanungen?

Der Konflikt rührt an eine grundsätzliche Frage: Wessen Interessen sind es, die in der Großstadt Wien Vorrang genießen? Der Wunsch der Bevölkerung nach frei verfügbarem öffentlichen Raum gerät in Widerstreit mit den Bestrebungen eines Immobilienentwicklers, der vor allem will, dass seine Investitionen einen möglichst hohen Gewinn abwerfen. Zugleich stehen auch die Grünen, die in der Wiener Stadtregierung dasPlanungsressort zu verantworten haben, auf dem Prüfstand.

Das Areal des Eislaufvereins ist das letzte große unverbaute Gelände im innerstädtischen Bereich – ein Filetstück, bei dem Bauhaien das Wasser im Mund zusammenläuft. Zugleich befindet sich hier allerdings auch eine besonders traditionsreiche Freizeiteinrichtung, die über einen Pachtvertrag verfügt, der noch einige Jahrzehnte läuft. Als das Grundstück vor sechs Jahren vom Stadterweiterungsfonds, die Bundesbehörde ist ein Relikt der Ringstraßen-Ära, privatisiert wurden, schrillten zahlreiche Alarmglocken. Ein langes Tauziehen folgte.

Vergangene Woche wurde nun von dem Bauherrn WertInvest und der Stadt Wien der Sieger des abschließenden Architekturwettbewerbs vorgestellt. Der Brasilianer Isay Weinfeld aus São Paulo soll für eine Investitionssumme von 220 bis 300 Millionen Euro von 2016 an nicht nur das Hotel Intercontinental verschönern und erweitern, sondern auch einen urbanen „Hotspot“ schaffen: am besten so hip wie das Museumsquartier. Als Cash-Cow für die Investitionen sehen die Pläne einen 73 Meter hohen Turm vor, mit Apartments für betuchte Anleger.

„Wien entwickelt sich, und dem muss die Stadt mit neuen Angeboten Rechnung tragen“, erklärte Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt. „Hier wird aus einem abgeschlossenen Gelände ein großzügiger Platz, der allen offensteht.“ Weinfelds Entwurf sei ausgewählt worden, weil er das Potenzial des Standortes und der Architektur anerkenne, modifiziere und erweitere: Der Freiluft-Eislaufplatz bleibe bestehen, ebenso wie das schon reichlich angejahrte Hotelgebäude. Während das Eislaufgelände zur Lothringerstraße hin frei werde und einen offenen Platz bilde, soll das Areal an der Heumarkt-Seite mit einem viergeschossigen Bauwerk begrenzt werden. Der Eislaufverein soll eine ganzjährig nutzbare Trainingshalle erhalten und das Akademische Gymnasium einen Turnsaal. Außerdem – so verspricht der Investor – werde es ein öffentliches Hallenbad mit 50-Meter-Sportbecken geben. Laut Rechnungshof ist das Grundstück zu billig verkauft worden.

Was in den Beschreibungen des Entwicklerteams so appetitlich klingt, verdirbt anderen den Magen. Das Projekt, so formuliert es der Wiener Architekt und Architekturforscher Otto Kapfinger, sei „architektonisch und in der Proportion äußerst schwach, nichtssagend, funktional und ökonomisch extrem fragwürdig“, ein Bruch mit der Bautradition am Glacis, jener Freifläche, auf der nach dem Abbruch der alten Stadtbefestigung die erste Stadterweiterung von Wien stattfand. Dem Projekt komme vor allem deshalb so große Bedeutung zu, weil es sich um einen Probelauf für künftige Hochhaus-Widmungen in Zentrumslage handle. Schließlich kritisiert Kapfinger einen Ausverkauf öffentlicher Flächen an private Investoren, die von den Umwidmungen massiv profitieren würden. Andreas Vass von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur stellt sogar
die völlige Aufgabe städtebaulicher Steuerungskompetenz fest: „Die Stadt
lässt sich von reichen Investoren vor sich hertreiben.“

Der Wiener Eislaufverein bleibt vorerst gelassen!

Seit der in der Kompetenz des Innenministeriums stehende Wiener Stadterweiterungsfonds das Grundstück im Jahr 2008 verkaufte – zu einem nach Meinung des Rechnungshofes übrigens viel zu niedrigen Preis –, kursierten Befürchtungen, dass sich Immobilienentwickler dieses Filetstück in bester Innenstadtlage unter den Nagel reißen und es verbauen könnten.

Im Mai 2012 ging das Grundstück an den Risikokapitalgeber WertInvest, dem auch das Hotel Intercontinental gehört. Das anschließend durchgeführte partizipative Verfahren mit Anrainern, Experten und Vertretern der Stadt stellte ein Novum in der Geschichte des Wiener Städtebaus dar. Dennoch: Es formierte sich Widerstand.

Der Wiener Eislaufverein bleibt vorerst gelassen. Andere hingegen sorgen sich um die Zukunft der Stadt. Im Juli 2013 ging ein offener Brief an Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin Maria Vassilakou von den Grünen, in dem prominente Vertreter der Architektenkammer und diverser Architektenvereinigungen die Neubauten und Umbauten als zu hoch und zu dominant kritisierten und darauf hinwiesen, dass die Hochhauspläne den Auflagen des Unesco-Weltkulturerbes für die Wiener Innenstadt widersprechen würden.

Galt doch am sogenannten Glacis der Grundsatz, dass Private nicht höher bauen dürfen als die öffentliche Hand. „Das System gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man willkürlich Hochhäuser baut“, meint Vass. „Mit der Errichtung des Turmes wird ein Präzedenzfall für den Bau weiterer Hochhäuser im historischen Zentrum geschaffen.“ Der jetzt preisgekrönte 73 Meter hohe Turm ist noch die armloseste Variante dessen, was die Fantasie der Planer möglich macht. Eine Ausstellung über die eingegangenen Entwürfe, die derzeit im Souterrain des Hotel Intercontinental zu besichtigen ist, zeigt kühne Zwillingstürme, fantastische Bauwerke, die Eis-Stanitzeln ähneln, und einen Eislaufplatz, der ein paar Stockwerke in die Tiefe verlegt wird.

Was Kritiker des Projektes als Kniefall vor privaten Profitinteressen sehen, wertet man innerhalb der Stadtverwaltung als gelungenes Beispiel für Public-Private-Partnership. Der Magistrat widmet Grundstücke in Bauland um oder gestattet Gebäude mit mehr Nutzfläche. Als Gegenleistung für diesen Widmungsgewinn sollen Immobilieneigentümer und Projektentwickler an stadtplanerische Vorgaben gebunden werden. In Zukunft könnten in Wien nicht mehr die Stadtplaner den Ton angeben.

Auch Kritiker Vass will nicht bestreiten, dass die genannten städtebaulichen Überlegungen und die Zuckerln für die Anrainer gewisse Meriten haben. Ob der Eislaufverein, das Konzerthaus und das Akademische Gymnasium dieser Investition so dringend bedürften und ob die Errichtung eines Gebäudes mit einer derart massiven Baumasse diese Maßnahmen rechtfertigt, sei allerdings zu bezweifeln.

Dass in Wien häufig die Geldgeber und nicht die Stadtplaner den Ton angeben, ist der traurige Befund des Raumplaners und Autors Andreas Seiß, der sich in seinem Buch Wer baut Wien mit den Besonderheiten des Städtebaus in der österreichischen Bundeshauptstadt befasste. Anders als in anderen Städten – analysiert Seiß – fehle es in Wien an einem durchgängigen dreidimensionalen Konzept. „Die Investoren bestimmen, was geschieht“, sagt er. „Die öffentliche Hand nutzt ihre Macht nicht, um sinnvolle Stadtstrukturen zu schaffen.“

Wenn Daniela Enzi mit den Ängsten und Sorgen der Kritiker konfrontiert wird, reagiert sie immer gleich: Sie beschwichtigt. Das ist der Job der ehemaligen Prokuristin des Wiener Museumsquartiers, die im Sommer 2012 bei WertInvest als Projektbetreuerin angeheuert hat. Für WertInvest-Boss Michael Tojner, der in den 1990er Jahren mit seiner Firma Global Equity Partners viel Geld mit Unternehmensbeteiligungen und deren rechtzeitigem Verkauf verdiente, sei der Heumarkt kein Spekulationsobjekt. Vielmehr wolle Tojner an dem Standort „etwas richtig Schönes für die Stadt schaffen. Um die maximale Rendite geht es uns nicht.“ So viel altruistische Selbstbeschränkung ist in der Immobilienbranche eher nicht üblich.

Noch steht freilich weder endgültig fest, wie viel Rendite das Projekt letztlich abwerfen wird, noch, ob es überhaupt je realisiert werden kann. Müssen doch zuerst die Flächenwidmungsphase und die Gespräche mit der Unesco abgeschlossen werden. Inzwischen formiert sich die Koalition der Hochhausgegner, die in Wien verlässlich noch jedem Großprojekt erbitterten Widerstand entgegengestellt hat. Vermutlich kommt es zu einer Neuauflage der urbanen Schlacht um den Bahnhofs- und Bürokomplex Wien Mitte, der nach empörten Protesten redimensioniert und umgeplant werden musste.

Gerade in die Widmungen sollten die Gegner des Projektes allerdings nicht allzu viele Hoffnungen setzen. Andere Beispiele verwirklichter Projekte wie der Millennium-Tower oder die Danube Flats des Bauunternehmers Erwin Soravia zeigen, wie einfach es in Wien zumindest in weiter vom Zentrum entfernten Gebieten ist, über den ursprünglichen Widmungsrahmen hinaus zu bauen. Gut möglich, dass sich Vass und die anderen Kritiker eines Tages wünschen, dass der Turm lediglich so errichtet worden wäre, wie er jetzt in den Plänen steht.

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