„Städtebau ist ein zu komplexes Thema für Patentrezepte“ – Präsentation der baukulturellen Leitsätze

Am 13. Mai 2014 lud die Stadt Wien zu einer Veranstaltung ein, die sich dem Thema eines der jüngst beschlossenen Resolutionsanträge des Wiener Gemeinderats widmete – den baukulturellen Leitsätzen. Dabei handelte es sich um ein Projekt, das vor vier Jahren durch die rot-grüne Stadtregierung unter Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou initiiert wurde, mit dem Ziel, die Baukultur Wiens zukunftsfähig zu machen und somit an die Architekturdeklaration der Stadt Wien aus dem Jahr 2005 anzuknüpfen.

Was meint Baukultur?

Ganz allgemein gesagt – und wie man auch den neumodischen Foldern, ausgehändigt bei der Veranstaltung, entnehmen kann – bedeutet „Baukultur die Summe aller von Menschen gestalteten Räume (…) und Freiräume“. Dabei handelt es sich aber nicht nur um zukünftige Projekte, sondern auch um die Erhaltung bereits bestehender Bauwerke und Plätze. Das Fundament der zehn neuen Leitsätze besteht aus 4 Grundprinzipien, die zwar alle so klingen als wären sie bloß politische Schlagworte, bei näherem Betrachten aber durchaus Sinn machen.

Lebensqualität, Nutzbarkeit, Nachhaltigkeit und Beteiligung

Mögen die ersten drei Stichworte ziemlich für sich selbst sprechen, so sticht besonders der vierte Punkt, also die „Beteiligung“, ins Auge. Stadtplanung ist keine Sache des Einzelnen, des Magistrats oder der Politik alleine. Für eine aktive und gesunde Baukultur braucht es einen breiten Diskurs und die Einbindung der Öffentlichkeit in diesen Prozess – ein Qualitätsanspruch, der mit diesem Punkt angegangen werden soll.

Patentrezepte?

Nach einem kurzen Abschnitt der politischen Selbstbeweihräucherung aller Beteiligten – was bei einem solchen Event durchaus vertretbar sein mag – brachte Franz Kobermaier, Abteilungsleiter der MA19 für Architektur und Stadtgestaltung, kurz und prägnant auf den Punkt, was eigentlich den ganzen Abend besprochen wurde: „Städtebau ist ein zu komplexes Thema für Patentrezepte“.

Es liegt ganz bestimmt Wahrheit in diesem Ausspruch, wirft im Kontext der Veranstaltung aber auch eine ganz bestimmte Frage auf: Ist es nicht genau das, was mit diesen Leitlinien versucht wird? Städteplanung und Baukultur in unserer heutigen Zeit ist schon eine paradoxe Sache. Muss einerseits mit aktuellen Trends gegangen werden und die Wirtschaftlichkeit befriedigt werden, darf allerdings auch das Flair des Vergangenen – vor allem in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Wien – nicht unter all den großangelegten Projekten begraben werden. Kommt man zu einer annehmbaren Übereinkunft in diesem Punkt, so trieb man auf dem Weg der Entscheidungsfindung die Nützlichkeit – und somit den eigentlichen Grund überhaupt etwas zu bauen – wieder ad absurdum.

Die Verantwortung der Regierung

Ob diese Leitsätze im Endeffekt zu einer Besserung dieser Tatsache führen werden oder ein weiteres Fähnchen im Wind der Realität der praktizierten Baukultur sein werden, sei dahingestellt. Wünschenswert aber wäre, dass zumindest den Prinzipien dieser Leitsätze Beachtung geschenkt wird. Was aber feststeht ist, dass mit diesen Maximen der städtischen Bebauung etwas geschaffen wurde, das für die Erhaltung der Lebensqualität aller Wiener und Wienerinnen essentiell ist und zumindest vom Grundgedanken her durchwegs positiv zu bewerten ist. Die tatsächliche Durchführung und Einhaltung dieser leitenden Prinzipien liegt nun bei der Stadtregierung.

Christof Falkenberg

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