Unesco: Wiens Hochhäuser im Visier

Kulturjournal (ORF) vom 29. Juni 2015 von Sabine Oppolzer

Am Wochenende hat in Bonn eine Sitzung der UNO-Kulturorganisation Unesco begonnen. Während Deutschland aller Voraussicht nach ein neues Weltkulturerbe erhalten wird, nämlich die Hamburger Speicherstadt, muss sich Wien einer kritischen Befragung stellen; es geht um die Pläne, neben dem Ring Hochhäuser zu bauen.

Ausgerechnet heuer, im 150. Jubiläumsjahr der Ringbebauung dieser Tumult um Wien: Die Unesco wird vermutlich den Stopp aller Baubewilligungen von Hochhäusern am Ring verlangen, die Einleitung einer ICOMOS-Begutachtung und einen umfassenden Bericht der Stadt Wien bis Februar 2016. So ist es laut Homepage der Unesco vorgesehen. Die Drohung, dass Wien der Weltkulturerbe-Status aberkannt wird, sei aber noch nicht explizit ausgesprochen, wie Rudolf Zunke, Stadtplaner bei der Gemeinde Wien beruhigen will. Er sagt, Wien sei noch nicht auf der roten Liste.

„Wünsche der Investoren werden erfüllt“

Schlimm genug ist der Imageschaden für die Stadt Wien. Das neue Hochhauskonzept des Jahres 2014 und der „Masterplan Glacis“ sehen keine Ausschlusszonen für Hochhäuser in der Innenstadt vor. Das erste Hochhaus am Eislaufverein ist schon in Planung, es soll mit 75 Metern dreimal so hoch werden, wie die bisherigen Ringstraßenbauten. Kritiker werfen der Stadt vor, das öffentliche Gut zu verschleudern und sich von den Investoren über den Tisch ziehen zu lassen. „Ich sehe eine große Bereitschaft – sie charakterisiert die letzten 20 Jahre Wiener Stadtentwicklung -, Wünsche der Investoren zu erfüllen“, betont Stadtplaner Reinhart Seiß.

Kaiser legte Investoren klare Regeln auf

Die neuen Hochhauskonzepte der Stadt Wien, die dieser Tage erst in Übersetzung der Unesco vorgelegt werden, sind vage gehalten. Das weckt die Begehrlichkeiten der Investoren. Viel geschickter ging da vor 150 Jahren der Kaiser vor: Er erlegte den damaligen Investoren ganz klare Regeln auf und gestaltete damit die Ringstraße zum Prachtboulevard, der heute international als richtungweisender Beitrag zur europäischen Stadt gilt. Mit den Investorengeldern wurden außerdem öffentliche Gebäude wie die Universität, das Parlament oder das Burgtheater errichtet, sagt Architekt Andreas Vass.

„Heute ist niemand verantwortlich“

Auf die Frage, warum eine solche konsequente Vorgangsweise für heutige Politiker nicht mehr vorstellbar ist, meint Reinhard Seiß: „Damals wurde offenbar mehr aufs Geld geschaut, als heute. Vielleicht waren auch die Verantwortungen nicht so weit gestreut wie heute. Heute hat man das Gefühl: Fürs große Ganze oder für das Staatsbudget ist im Grunde niemand verantwortlich.“ Mit Spannung darf der endgültige Beschluss der Unesco-Welterbekonferenz in Bonn erwartet werden.

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